Der
Musikverein Tägerig ist mit seiner über 150-jährigen Geschichte einer der ältesten
Musikvereine unserer Gegend.
Frühmesser
Dinkel, der in den Fünfzigerjahren des 19. Jahrhunderts kurze Zeit in Tägerig
wirkte, sammelte einige musikbegeisterte Burschen, um die Kirchweihe und die
kirchlichen Anlässe mit Musik zu verschönern. Er war zugleich der erste
Dirigent.
In
den Sechziger Jahren nahm diese Musik den Charakter einer Tanzmusik an, die
von einem deutschen Musiker namens Briner geleitet wurde. Der spätere
Dirigent Fischer aus Dottikon kam stets zu Pferd in die Probe. Dies wurde ihm
einmal zum Verhängnis, als sein Pferd beim Durchritt durch Hägglingen, wo er
mit der Trompete jeweils ein Solo zu spielen pflegte, scheute, und er sich mit
dem Instrument die Zähne einschlug.
Der
Blasmusikgedanke bekam im Dorf immer mehr Auftrieb und so wurde in den
Siebzigerjahren eine zweite, die sogenannte "jüngere Tanzmusik" ins
Leben gerufen. In beiden Vereinen steigerten sich die Rivalitäten und
erreichten ihren Höhepunkt in einer Schlägerei nach einer politischen
Auseinandersetzung anlässlich der Gemeinderatswahl 1881. Dies bedeutete den
sicheren Ruin der beiden Vereine.
Ein Jahr später kam Herr Arto, Wirt "zum scharfen Eck" in Mellingen, nach Tägerig und fand 7 musikbegeisterte Männer, die sich zu einer Neugründung entschlossen.
Bald
drohte auch dieser Blasmusik wieder innerer Zerfall, was 1888 zur Gründung
der "jüngeren Musikgesellschaft Tägerig" führte. Geprobt wurde in
der unteren Stube des alten Armenhauses. Am 26. Mai 1889 unternahm die
Musikgesellschaft einen Ausflug zum Schloss Lenzburg. Eigentlich nichts
Aussergewöhnliches, wenn man nicht berücksichtigen würde, dass die
Musikanten Mittags um 12.00 Uhr abmarschierten und nachts um 23.00 Uhr wieder
zurückkamen, alles zu Fuss. Wer würde dies heute noch wagen?
Am
7. Juli 1890 gab sich der Verein die ersten Statuten. In der Folge schloss
sich die jüngere mit der älteren Musik zur "Feldmusik Tägerig"
zusammen. Der Verein erlebte einen ungeahnten Aufschwung und probte mit 17
Mitgliedern. Die Feldmusik Tägerig wurde durch die musikalische Leistungsfähigkeit
sehr rasch auch über die Kantonsgrenzen hinaus bekannt und wurde jahrelang
als begehrte Konzert- und Festmusik vorwiegend nach Baden und Zürich
verpflichtet. So prägte sich das heute noch bekannte Sprichwort: "D'Musig
chond vo Tägerig"!
Am
18. Mai 1890 folgte eine Reise nach Luzern - Flüelen. Die Musik war begleitet
von Männerchor und Arbeiterverein, insgesamt 50 Personen. Morgens um 3.00 Uhr
bliesen vier Musikanten im Dorf Tagwacht. Um 4.00 Uhr marschierten alle zum
Bahnhof Wohlen. Rückkehr in Tägerig war nachts um 24.00 Uhr nach einem
anstrengenden Marsch vom Wohler Bahnhof her.
Nachdem
die Feldmusik 1900 erstmals an einem kantonalen Musiktag in Bremgarten
erfolgreich aufgespielt hatte, entschloss man sich, im Jahre 1901 eine erste
Uniform anzuschaffen. Sie wurde von der Stadtmusik Bremgarten zum Gesamtpreis
von Fr. 130.30 erworben.
In
den folgenden Jahren begann die harte Disziplin etwas nachzulassen. Die
Mitglieder waren vereinsmüde geworden. Doch in der Bevölkerung regte sich
der Wunsch, die Musikgesellschaft sollte wieder neu erstehen, damit wieder
"Leben und Kurzeweil" einkehre. Die bevorstehende Einweihung des
Schulhauses gab den nötigen Auftrieb dazu.
Im
Jahre 1913 probten 21 Männer unter der bewährten Leitung von Dirigent Josef
Meier für das Fest der Schulhauseinweihung, was einen riesigen Erfolg
einbrachte.
Dieses
erneute Aufblühen des Vereins wurde durch den ersten Weltkrieg jäh gestoppt
und brachte den Verein beinahe zum Erliegen, wurden doch die meisten
Mitglieder an die Grenze gerufen. Dirigent Josef Meier, alt Weibel, legte nach
30-jähriger Tätigkeit, wovon 25 Jahre als Dirigent, sein Amt nieder.
Während
und nach dem Krieg kamen viele junge Mitglieder dazu, ältere demissionierten.
Ein Aufbruch war im Gange. 1917 blühte das Vereinsleben wieder auf. Doch
politische Spannungen ein paar Jahre später, säten Hass und Zwietracht ins
Vereinsleben und lösten die schwerste Krise der lokalen Musikgeschichte aus.
Die jüngeren Mitglieder lösten sich vom Verein und gründeten 1920 die Musikgesellschaft "Alpenrösli" unter der Leitung von Martin Meier, Weibels, Sohn des langjährigen Dirigenten. Die Feldmusik erkrankte an Nachwuchsmangel und musste 1923 aufgeben.
Im selben Jahr kleidete sich die "Alpenrösli" mit einer Uniform ein, die dem Musikverein Wohlen abgekauft wurde. 1929 wählte der Verein, infolge Wegzug von Martin Meier, Karl Steger aus Künten zum neuen Dirigenten.
Die nun einsetzenden Erfolge der "Alpenrösli-Musik" begannen die Herzen der ehemaligen Feldmusikanten zu regen, worauf sich die meisten Männer wieder der Musik verpflichteten. Diese Harmonisierung führte schliesslich am 22. März 1931 zur Geburtsstunde des Namens "Musikverein Tägerig". 4 Jahre später wurde die dritte Uniform eingeweiht. Von der Musikgesellschaft Rickenbach LU wurden 28 fast neue Uniformen angeschafft (für Fr. 2100.--!).
Dirigent
Karl Steger demissionierte 1937 und man konnte Fritz Wüst aus Lupfig
gewinnen. Als dieser aber ein Jahr später einen zweiten Verein übernahm und
in Tägerig die Proben viermal nacheinander schwänzte, legte man ihm die Kündigung
nahe. Der einheimische Vizedirigent Wendelin Meier besuchte daraufhin einen
Dirigentenkurs und übernahm den Verein ehrenamtlich für die nächsten acht
Jahre.
Nochmals
eine Krise hatte der Verein im Jahre 1939 zu bewältigen, als die Hälfte der
Mitglieder in den Aktivdienst einrücken mussten. Dafür schlossen sich einige
Soldaten des in Tägerig einquartierten Pontonierbataillons dem Musikverein
an.
Als
Wendelin Meier den Dirigentenstab abgab, wurde Louis Gauch aus Mellingen sein
Nachfolger. 1948 war wiederum Direktionswechsel. Vizedirigent
Hans Baur, der 1941 mit seiner Familie aus dem Berner Oberland nach Büschikon
zog, wurde zum neuen musikalischen Leiter gewählt.
Zur Freude der Bevölkerung und der Musikanten konnte 1950 das erste Vereinsbanner geweiht werden. Im selben Jahr musste der Verein einen schweren Schlag hinnehmen, als Dirigent Hans Baur nach langer Krankheit verstarb. Die neue und erste Vereinsfahne begleitete ihn auf seinem letzten Gang.
Mit
dem nachfolgenden Dirigenten Jean Schmid aus Mellingen durfte der Verein
verschiedene Höhepunkte erleben. 1954 wurde der Musikverein Tägerig mit der
Durchführung eines kantonalen Musiktages beauftragt. Die Bevölkerung rüstete
zum Fest und empfing 800 Musikanten aus dem ganzen Kanton, die ihre Vorträge
zum Besten gaben. Ein einmaliges Ereignis für das Dorf.
1955, zum 100. Geburtstag, präsentierten sich die Mitglieder erstmals in einer ganz neuen Uniform. Es war die Vierte in der Vereinsgeschichte. Für die 34 Mitglieder kostete die Bekleidung Fr. 12'000.--. Erfreulicherweise spielen von den damaligen Mitgliedern heute immer noch, oder wieder, 3 Musikanten mit!
Karl
Steger übernahm nach der Demission von Jean Schmid 1958 zum dritten Mal den
Dirigentenposten. Er wünschte aber 4 Jahre später, abgelöst zu werden.
Ruedi Walti, einheimisches Aktivmitglied und Militärtrompeter, übernahm
darauf die musikalische Leitung.
1966 erlebte Tägerig das unvergessliche Dorffest zugunsten der Neuinstrumentierung des Musikvereins. 1969 endete die Männerherrschaft im Musikverein, die Reihen wurden durch 2 Musikantinnen aufgelockert. 1971 demissionierte Ruedi Walti und mit ihm der gesamte Vorstand. Eine schwierige Zeit für alle Mitglieder. Nachdem aber die Probleme bereinigt waren, musste der Vorstand sogar durch eine "Kampfwahl" ermittelt werden. Zur heutigen Zeit unvorstellbar. Mit dem ebenfalls neu gewählten Willi Lobsiger als Dirigent, steuerte eine neue Besatzung das Vereinsschiff, worauf sogar 1972 eine neue Fahne eingeweiht werden konnte. 1975 übernahm Ruedi Walti wieder die Direktion.
1980 feierte der Musikverein sein 125-jähriges Bestehen mit einem 3-tägigen Fest und schenkte sich die fünfte, die rote Uniform. Die Beschaffung der neuen Bekleidung kostete Fr. 25'000.-- und konnte nur dank vielen Spenden finanziert werden.
1984
äusserte Ruedi Walti den Wunsch, wieder aktiv als Bläser mitzuspielen. So überliess
er seinen Platz am Dirigentenpult Emil Meier aus Dällikon. Auch ihm verdankt
der Verein viele musikalische Höhepunkte, unter anderem die Mitwirkung an den
kant. Musikfesten in Bremgarten und Zofingen. 1995 erlebte der Musikverein Tägerig
ein Novum. Sylvia Häberli aus Obfelden übernahm als erste Frau den
Dirigentenstab. Fünf Jahre erlebte der Verein mit ihr viele schöne und
erfolgreiche Auftritte. Ebenfalls neu war für die Musikantinnen und
Musikanten, als 1997 Beatrice Annen als erste Frau das Amt der Präsidentin übernahm.
Der Verein wurde also fortan mit Frauenpower geführt.
Das
Jahr 2000 brachte wieder einige Veränderungen. Sylvia Häberli gab die
Direktion an unseren jungen Vizedirigenten Raphael Oldani ab und der
Musikverein durfte im selben Jahr die neue, sechste Einheitsbekleidung anlässlich
eines 2-tägigen Festes einweihen. Die Kosten konnten dank den vielen Spenden
und dem gesparten Vereinsvermögen gedeckt werden.
Das Jahr 2005 wird mit Sicherheit in die Vereinsgeschichte eingehen. Mit etwas Stolz konnte auf das 150-jährige Bestehen des Vereins Rückblick gehalten werden. Dieser Anlass wurde zusammen mit allen Musikfreunden und der ganzen Bevölkerung anlässlich eines 3-tägigen Festes würdig gefeiert. Als Geburtstagsgeschenk schaffte sich der Verein das 3. Vereinsbanner an. Dank einem gefälligen, modernen Fahnen-Design hinterliess der Verein nach der gefreuten Neueinkleidung vor 5 Jahren nicht nur musikalisch, sondern auch optisch einen frischen, entstaubten Eindruck. Auch diese Beschaffung war möglich dank grosszügiger Spendengelder von Passivmitgliedern, Musikfreunden, Bekannten und Verwandten. Der Musikverein Tägerig hat das neue Vereinsbanner am Jubiläumsfest vom 25. bis 27. November 2005 eingeweiht.
Der
Musikverein Tägerig spielt heute in der 3. Stärkeklasse der Kategorie
Harmonie. Von den zur Zeit 24 Aktivmitgliedern zählt das Jüngste gerade 14
Jahre, der Teamsenior 72 Lenze. Dank gegenseitiger Rücksichtnahme und Toleranz
entstehen trotz der grossen Altersunterschiede kaum Spannungen. Neue Ideen
werden durch jüngere Mitglieder in den Verein getragen, die ältere Garde
revanchiert sich dafür mit dem Einbringen von reicher Erfahrung. Obwohl der
Verein personell eher unterbesetzt ist, wird ein ansprechendes musikalisches
Repertoire gepflegt, welches mehr und mehr durch moderne Unterhaltungsmusik
geprägt ist. Natürlich fehlen auch die traditionellen Walzer, Polkas und Märsche
nicht. Mit Erfolg dirigiert uns seit September 2007 Marcel Hunn. Seine frische
Art wiederspiegelt sich in unserem musikalischen Ausdruck.
Gradmesser
für das musikalische Können ist das alljährliche Konzert am 1.
Adventssamstag. Bei der Programmauswahl wird der Unterhaltungswert gross
geschrieben. Damit soll auch dem jüngeren Publikum Zugang zur Blasmusik
geboten werden.
Weitere
Aktivitäten unter dem Jahr sind das traditionelle Waldfest oder der
Musigplausch z'Büschike, die musikalische Umrahmung von kirchlichen Festen
wie Weisser Sonntag, Firmung, Fronleichnam und Allerheiligen, sowie die
Teilnahme an der Bundesfeier. Den Geburtstags-Jubilaren ab 80 Jahren warten
wir alle fünf Jahre mit einem musikalischen Blumenstrauss auf. Im Weiteren führen
wir an der Advents- und Weihnachtsausstellung bei Blumen Jenni in Mellingen
jeweils das Festbeizli. Natürlich dürfen auch die Vereinsreise oder die
vielen gemütlichen internen Zusammenkünfte nicht fehlen.
Was
wäre die Welt ohne Musik? Was wäre unser Dorf ohne Musik? Dorf und Dorfmusik
sind untrennbare Begriffe. Jedes Mal, wenn die Musik im Wellental einer
Vereinskrise verstummte - so lehrt uns unsere Vereinsgeschichte - rief die Bevölkerung
nach einem Neubeginn, damit wieder Leben im Dorfe einkehre. Zugegeben, das
Leben ginge auch ohne Dorfmusik weiter, aber es würde etwas fehlen.
Obwohl
viele Musikvereine oder Vereine allgemein Schwierigkeiten haben, junge Leute
zum Mitmachen zu animieren, sind wir zuversichtlich und hoffen, auch in
Zukunft als Musikverein Tägerig mit jungen Menschen auftreten zu können.
Dazu bedarf es einer steten Überprüfung der Aktivitäten, der Strukturen und
des Musikstils. Gerade im musikalischen Bereich wird sich die zunehmende
Verlagerung hin zur Unterhaltungsmusik in den nächsten Jahren noch
beschleunigen. Damit einhergehend werden vermutlich auch Instrumente zum
Einsatz kommen, welche heute in einem Blasmusikcorps eher selten anzutreffen
sind.
Wir
wünschen uns, dass auch künftig möglichst viele Menschen Zugang zu unserer
Musik finden und hoffen, dass der im Jubiläumsjahr vorhandene musikalische
Geist unserer Gemeinde auch in Zukunft viel Freude und schöne Stunden bringen
werde.
Schlussbemerkung: Die geschichtlichen Aufzeichnungen stammen von der Jubiläumsschrift von 1980, die damals von Ernst Meier verfasst wurde.
Dirigenten des Musikvereins Tägerig
1855
-
ca.
1860
Herr Dinkel, Frühmesser, Tägerig
ca.
1860
-
ca.
1870
Herr Briner, Deutschland
"Tanzmusik Tägerig"
ca.
1870
-
1881
Herr Fischer, Dottikon
"jüngere Tanzmusik Tägerig"
1882
-
1888
Herr Arto, Mellingen
"Musikgesellschaft Tägerig"
1888
-
1890
Josef Meier, Weibels, Tägerig
"jüngere Musikges. Tägerig"
1890
-
1914
Josef Meier, Weibels, Tägerig
"Feldmusik Tägerig"
1915
-
1917
Alfred Meier
1917
-
1922
Max Renz, Niederwil
1922
-
1923
Julius Irniger, Niederrohrdorf
1920
-
1929
Martin Meier, Weibels, Tägerig
"Musikgesellschaft Alpenrösli"
1929
-
1930
Karl Steger, Künten
1931
-
1932
Julius Irniger, Niederrohrdorf
"Musikverein Tägerig"
1932
-
1937
Karl Steger, Künten
1937
-
1938
Fritz Wüst, Lupfig
1938
-
1946
Wendelin Meier, Tägerig
1946
-
1948
Louis Gauch, Mellingen
1948
-
1950
Hans Baur, Büschikon
1951
-
1958
Jean Schmid, Mellingen
1958
-
1962
Karl Steger, Niederweningen
1962
-
1971
Rudolf Walti, Tägerig
1971
-
1975
Willi Lobsiger, Mellingen
1975
-
1983
Rudolf Walti, Tägerig
1984
-
1995
Emil Meier, Dällikon
1995
-
2000
Sylvia Häberli, Obfelden
2000 - 2007 Raphael Oldani, Birrwil
seit 2007 Marcel Hunn, Bellikon
1884 -
1914 Josef
Meier, Weibels
1931 -
1932 Arnold
Meier
1932 -
1933 Hans
Meier
1933 -
1937 Wendelin
Meier
1937 -
1942 Hans
Seiler - Benz
1942 -
1945 Hans
Meier
1945 -
1947 Wendelin
Meier
1947 -
1953 Hans
Seiler - Benz
1953 -
1954 Wendelin
Meier
1954 -
1955 Hans
Seiler - Benz
1955 -
1956 Rudolf
Walti
1956 -
1957 Werner
Meier
1957 -
1963 Josef
Keller
1963 -
1971 Kurt
Oldani
1971 - 1972 Werner Meier
1972 -
1976 Eduard
Zimmermann
1976 --
1982 Erwin
Meier
1982 -
1986 Ueli
Gilgen
1986 -
1990 Peter
Blunschi
1990 -
1997 Peter
Annen
seit
1997
Beatrice Annen - Gilgen