Geschichte Musikverein Tägerig

(1855 - 2008)

                                                    

Der Musikverein Tägerig ist mit seiner über 150-jährigen Geschichte einer der ältesten Musikvereine  unserer Gegend.

Frühmesser Dinkel, der in den Fünfzigerjahren des 19. Jahrhunderts kurze Zeit in Tägerig wirkte, sammelte einige musikbegeisterte Burschen, um die Kirchweihe und die kirchlichen Anlässe mit Musik zu verschönern. Er war zugleich der erste Dirigent.

In den Sechziger Jahren nahm diese Musik den Charakter einer Tanzmusik an, die von einem deutschen Musiker namens Briner geleitet wurde. Der spätere Dirigent Fischer aus Dottikon kam stets zu Pferd in die Probe. Dies wurde ihm einmal zum Verhängnis, als sein Pferd beim Durchritt durch Hägglingen, wo er mit der Trompete jeweils ein Solo zu spielen pflegte, scheute, und er sich mit dem Instrument die Zähne einschlug.

Der Blasmusikgedanke bekam im Dorf immer mehr Auftrieb und so wurde in den Siebzigerjahren eine zweite, die sogenannte "jüngere Tanzmusik" ins Leben gerufen. In beiden Vereinen steigerten sich die Rivalitäten und erreichten ihren Höhepunkt in einer Schlägerei nach einer politischen Auseinandersetzung anlässlich der Gemeinderatswahl 1881. Dies bedeutete den sicheren Ruin der beiden Vereine.

Ein Jahr später kam Herr Arto, Wirt "zum scharfen Eck" in Mellingen, nach Tägerig und fand 7 musikbegeisterte Männer, die sich zu einer Neugründung entschlossen.

                                                                               

Bald drohte auch dieser Blasmusik wieder innerer Zerfall, was 1888 zur Gründung der "jüngeren Musikgesellschaft Tägerig" führte. Geprobt wurde in der unteren Stube des alten Armenhauses. Am 26. Mai 1889 unternahm die Musikgesellschaft einen Ausflug zum Schloss Lenzburg. Eigentlich nichts Aussergewöhnliches, wenn man nicht berücksichtigen würde, dass die Musikanten Mittags um 12.00 Uhr abmarschierten und nachts um 23.00 Uhr wieder zurückkamen, alles zu Fuss. Wer würde dies heute noch wagen?

Am 7. Juli 1890 gab sich der Verein die ersten Statuten. In der Folge schloss sich die jüngere mit der älteren Musik zur "Feldmusik Tägerig" zusammen. Der Verein erlebte einen ungeahnten Aufschwung und probte mit 17 Mitgliedern. Die Feldmusik Tägerig wurde durch die musikalische Leistungsfähigkeit sehr rasch auch über die Kantonsgrenzen hinaus bekannt und wurde jahrelang als begehrte Konzert- und Festmusik vorwiegend nach Baden und Zürich verpflichtet. So prägte sich das heute noch bekannte Sprichwort: "D'Musig chond vo Tägerig"!

Am 18. Mai 1890 folgte eine Reise nach Luzern - Flüelen. Die Musik war begleitet von Männerchor und Arbeiterverein, insgesamt 50 Personen. Morgens um 3.00 Uhr bliesen vier Musikanten im Dorf Tagwacht. Um 4.00 Uhr marschierten alle zum Bahnhof Wohlen. Rückkehr in Tägerig war nachts um 24.00 Uhr nach einem anstrengenden Marsch vom Wohler Bahnhof her.

Nachdem die Feldmusik 1900 erstmals an einem kantonalen Musiktag in Bremgarten erfolgreich aufgespielt hatte, entschloss man sich, im Jahre 1901 eine erste Uniform anzuschaffen. Sie wurde von der Stadtmusik Bremgarten zum Gesamtpreis von Fr. 130.30 erworben.

In den folgenden Jahren begann die harte Disziplin etwas nachzulassen. Die Mitglieder waren vereinsmüde geworden. Doch in der Bevölkerung regte sich der Wunsch, die Musikgesellschaft sollte wieder neu erstehen, damit wieder "Leben und Kurzeweil" einkehre. Die bevorstehende Einweihung des Schulhauses gab den nötigen Auftrieb dazu.

Im Jahre 1913 probten 21 Männer unter der bewährten Leitung von Dirigent Josef Meier für das Fest der Schulhauseinweihung, was einen riesigen Erfolg einbrachte.

Dieses erneute Aufblühen des Vereins wurde durch den ersten Weltkrieg jäh gestoppt und brachte den Verein beinahe zum Erliegen, wurden doch die meisten Mitglieder an die Grenze gerufen. Dirigent Josef Meier, alt Weibel, legte nach 30-jähriger Tätigkeit, wovon 25 Jahre als Dirigent, sein Amt nieder.

Während und nach dem Krieg kamen viele junge Mitglieder dazu, ältere demissionierten. Ein Aufbruch war im Gange. 1917 blühte das Vereinsleben wieder auf. Doch politische Spannungen ein paar Jahre später, säten Hass und Zwietracht ins Vereinsleben und lösten die schwerste Krise der lokalen Musikgeschichte aus.

Die jüngeren Mitglieder lösten sich vom Verein und gründeten 1920 die Musikgesellschaft "Alpenrösli" unter der Leitung von Martin Meier, Weibels, Sohn des langjährigen Dirigenten. Die Feldmusik erkrankte an Nachwuchsmangel und musste 1923 aufgeben.

                                                                               

Im selben Jahr kleidete sich die "Alpenrösli" mit einer Uniform ein, die dem Musikverein Wohlen abgekauft wurde. 1929 wählte der Verein, infolge Wegzug von Martin Meier, Karl Steger aus Künten zum neuen Dirigenten.

                                                                               

Die nun einsetzenden Erfolge der "Alpenrösli-Musik" begannen die Herzen der ehemaligen Feldmusikanten zu regen, worauf sich die meisten Männer wieder der Musik verpflichteten. Diese Harmonisierung führte schliesslich am 22. März 1931 zur Geburtsstunde des Namens "Musikverein Tägerig". 4 Jahre später wurde die dritte Uniform eingeweiht. Von der Musikgesellschaft Rickenbach LU wurden 28 fast neue Uniformen angeschafft (für Fr. 2100.--!).

                                                                               

Dirigent Karl Steger demissionierte 1937 und man konnte Fritz Wüst aus Lupfig gewinnen. Als dieser aber ein Jahr später einen zweiten Verein übernahm und in Tägerig die Proben viermal nacheinander schwänzte, legte man ihm die Kündigung nahe. Der einheimische Vizedirigent Wendelin Meier besuchte daraufhin einen Dirigentenkurs und übernahm den Verein ehrenamtlich für die nächsten acht Jahre.

Nochmals eine Krise hatte der Verein im Jahre 1939 zu bewältigen, als die Hälfte der Mitglieder in den Aktivdienst einrücken mussten. Dafür schlossen sich einige Soldaten des in Tägerig einquartierten Pontonierbataillons dem Musikverein an.

Als Wendelin Meier den Dirigentenstab abgab, wurde Louis Gauch aus Mellingen sein Nachfolger. 1948 war wiederum Direktionswechsel. Vizedirigent  Hans Baur, der 1941 mit seiner Familie aus dem Berner Oberland nach Büschikon zog, wurde zum neuen musikalischen Leiter gewählt.

Zur Freude der Bevölkerung und der Musikanten konnte 1950 das erste Vereinsbanner geweiht werden. Im selben Jahr musste der Verein einen schweren Schlag hinnehmen, als Dirigent Hans Baur nach langer Krankheit verstarb. Die neue und erste Vereinsfahne begleitete ihn auf seinem letzten Gang.

                                                          

Mit dem nachfolgenden Dirigenten Jean Schmid aus Mellingen durfte der Verein verschiedene Höhepunkte erleben. 1954 wurde der Musikverein Tägerig mit der Durchführung eines kantonalen Musiktages beauftragt. Die Bevölkerung rüstete zum Fest und empfing 800 Musikanten aus dem ganzen Kanton, die ihre Vorträge zum Besten gaben. Ein einmaliges Ereignis für das Dorf.

1955, zum 100. Geburtstag, präsentierten sich die Mitglieder erstmals in einer ganz neuen Uniform. Es war die Vierte in der Vereinsgeschichte. Für die 34 Mitglieder kostete die Bekleidung Fr. 12'000.--. Erfreulicherweise spielen von den damaligen Mitgliedern heute immer noch, oder wieder, 3 Musikanten mit!

                                                                               

Karl Steger übernahm nach der Demission von Jean Schmid 1958 zum dritten Mal den Dirigentenposten. Er wünschte aber 4 Jahre später, abgelöst zu werden. Ruedi Walti, einheimisches Aktivmitglied und Militärtrompeter, übernahm darauf die musikalische Leitung.

1966 erlebte Tägerig das unvergessliche Dorffest zugunsten der Neuinstrumentierung des Musikvereins. 1969 endete die Männerherrschaft im Musikverein, die Reihen wurden durch 2 Musikantinnen aufgelockert. 1971 demissionierte Ruedi Walti und mit ihm der gesamte Vorstand. Eine schwierige Zeit für alle Mitglieder. Nachdem aber die Probleme bereinigt waren, musste der Vorstand sogar durch eine "Kampfwahl" ermittelt werden. Zur heutigen Zeit unvorstellbar. Mit dem ebenfalls neu gewählten Willi Lobsiger als Dirigent, steuerte eine neue Besatzung das Vereinsschiff, worauf sogar 1972 eine neue Fahne eingeweiht werden konnte. 1975 übernahm Ruedi Walti wieder die Direktion.

                                                                               

1980 feierte der Musikverein sein 125-jähriges Bestehen mit einem 3-tägigen Fest und schenkte sich die fünfte, die rote Uniform. Die Beschaffung der neuen Bekleidung kostete Fr. 25'000.-- und konnte nur dank vielen Spenden finanziert werden.

                                                                               

1984 äusserte Ruedi Walti den Wunsch, wieder aktiv als Bläser mitzuspielen. So überliess er seinen Platz am Dirigentenpult Emil Meier aus Dällikon. Auch ihm verdankt der Verein viele musikalische Höhepunkte, unter anderem die Mitwirkung an den kant. Musikfesten in Bremgarten und Zofingen. 1995 erlebte der Musikverein Tägerig ein Novum. Sylvia Häberli aus Obfelden übernahm als erste Frau den Dirigentenstab. Fünf Jahre erlebte der Verein mit ihr viele schöne und erfolgreiche Auftritte. Ebenfalls neu war für die Musikantinnen und Musikanten, als 1997 Beatrice Annen als erste Frau das Amt der Präsidentin übernahm. Der Verein wurde also fortan mit Frauenpower geführt.

Das Jahr 2000 brachte wieder einige Veränderungen. Sylvia Häberli gab die Direktion an unseren jungen Vizedirigenten Raphael Oldani ab und der Musikverein durfte im selben Jahr die neue, sechste Einheitsbekleidung anlässlich eines 2-tägigen Festes einweihen. Die Kosten konnten dank den vielen Spenden und dem gesparten Vereinsvermögen gedeckt werden.  

Jubiläumsjahr 

Das Jahr 2005 wird mit Sicherheit in die Vereinsgeschichte eingehen. Mit etwas Stolz konnte auf das 150-jährige Bestehen des Vereins Rückblick gehalten werden. Dieser Anlass wurde zusammen mit allen Musikfreunden und der ganzen Bevölkerung anlässlich eines 3-tägigen Festes würdig gefeiert. Als Geburtstagsgeschenk schaffte sich der Verein das 3. Vereinsbanner an. Dank einem gefälligen, modernen Fahnen-Design hinterliess der Verein nach der gefreuten Neueinkleidung vor 5 Jahren nicht nur musikalisch, sondern auch optisch einen frischen, entstaubten Eindruck. Auch diese Beschaffung war möglich dank grosszügiger Spendengelder von Passivmitgliedern, Musikfreunden, Bekannten und Verwandten. Der Musikverein Tägerig hat das neue Vereinsbanner am Jubiläumsfest vom 25. bis 27. November 2005 eingeweiht.

                                                                               

Musikverein Tägerig  HEUTE 

Der Musikverein Tägerig spielt heute in der 3. Stärkeklasse der Kategorie Harmonie. Von den zur Zeit 24 Aktivmitgliedern zählt das Jüngste gerade 14 Jahre, der Teamsenior 72 Lenze. Dank gegenseitiger Rücksichtnahme und Toleranz entstehen trotz der grossen Altersunterschiede kaum Spannungen. Neue Ideen werden durch jüngere Mitglieder in den Verein getragen, die ältere Garde revanchiert sich dafür mit dem Einbringen von reicher Erfahrung. Obwohl der Verein personell eher unterbesetzt ist, wird ein ansprechendes musikalisches Repertoire gepflegt, welches mehr und mehr durch moderne Unterhaltungsmusik geprägt ist. Natürlich fehlen auch die traditionellen Walzer, Polkas und Märsche nicht. Mit Erfolg dirigiert uns seit September 2007 Marcel Hunn. Seine frische Art wiederspiegelt sich in unserem musikalischen Ausdruck. 

Gradmesser für das musikalische Können ist das alljährliche Konzert am 1. Adventssamstag. Bei der Programmauswahl wird der Unterhaltungswert gross geschrieben. Damit soll auch dem jüngeren Publikum Zugang zur Blasmusik geboten werden.

Weitere Aktivitäten unter dem Jahr sind das traditionelle Waldfest oder der Musigplausch z'Büschike, die musikalische Umrahmung von kirchlichen Festen wie Weisser Sonntag, Firmung, Fronleichnam und Allerheiligen, sowie die Teilnahme an der Bundesfeier. Den Geburtstags-Jubilaren ab 80 Jahren warten wir alle fünf Jahre mit einem musikalischen Blumenstrauss auf. Im Weiteren führen wir an der Advents- und Weihnachtsausstellung bei Blumen Jenni in Mellingen jeweils das Festbeizli. Natürlich dürfen auch die Vereinsreise oder die vielen gemütlichen internen Zusammenkünfte nicht fehlen.  

Musikverein Tägerig  MORGEN 

Was wäre die Welt ohne Musik? Was wäre unser Dorf ohne Musik? Dorf und Dorfmusik sind untrennbare Begriffe. Jedes Mal, wenn die Musik im Wellental einer Vereinskrise verstummte - so lehrt uns unsere Vereinsgeschichte - rief die Bevölkerung nach einem Neubeginn, damit wieder Leben im Dorfe einkehre. Zugegeben, das Leben ginge auch ohne Dorfmusik weiter, aber es würde etwas fehlen.

Obwohl viele Musikvereine oder Vereine allgemein Schwierigkeiten haben, junge Leute zum Mitmachen zu animieren, sind wir zuversichtlich und hoffen, auch in Zukunft als Musikverein Tägerig mit jungen Menschen auftreten zu können. Dazu bedarf es einer steten Überprüfung der Aktivitäten, der Strukturen und des Musikstils. Gerade im musikalischen Bereich wird sich die zunehmende Verlagerung hin zur Unterhaltungsmusik in den nächsten Jahren noch beschleunigen. Damit einhergehend werden vermutlich auch Instrumente zum Einsatz kommen, welche heute in einem Blasmusikcorps eher selten anzutreffen sind.  

Wir wünschen uns, dass auch künftig möglichst viele Menschen Zugang zu unserer Musik finden und hoffen, dass der im Jubiläumsjahr vorhandene musikalische Geist unserer Gemeinde auch in Zukunft viel Freude und schöne Stunden bringen werde. 

Schlussbemerkung: Die geschichtlichen Aufzeichnungen stammen von der   Jubiläumsschrift von 1980, die damals von Ernst Meier verfasst wurde.

 

Dirigenten des Musikvereins Tägerig

        1855         -         ca.         1860         Herr Dinkel, Frühmesser, Tägerig

ca.    1860         -         ca.         1870         Herr Briner, Deutschland         "Tanzmusik Tägerig"

ca.    1870         -                       1881         Herr Fischer, Dottikon         "jüngere Tanzmusik Tägerig"

         1882         -                       1888         Herr Arto, Mellingen         "Musikgesellschaft Tägerig"

         1888         -                       1890         Josef Meier, Weibels, Tägerig          "jüngere Musikges. Tägerig"

         1890         -                       1914         Josef Meier, Weibels, Tägerig          "Feldmusik Tägerig"

         1915         -                       1917         Alfred Meier

         1917         -                       1922         Max Renz, Niederwil

         1922         -                       1923         Julius Irniger, Niederrohrdorf

         1920         -                       1929         Martin Meier, Weibels, Tägerig         "Musikgesellschaft Alpenrösli"

         1929         -                       1930         Karl Steger, Künten

         1931         -                       1932         Julius Irniger, Niederrohrdorf         "Musikverein Tägerig"

         1932         -                       1937         Karl Steger, Künten

         1937         -                       1938         Fritz Wüst, Lupfig

         1938         -                       1946         Wendelin Meier, Tägerig

         1946         -                       1948         Louis Gauch, Mellingen

         1948         -                       1950         Hans Baur, Büschikon

         1951         -                       1958         Jean Schmid, Mellingen

         1958         -                       1962         Karl Steger, Niederweningen

         1962         -                       1971         Rudolf Walti, Tägerig

         1971         -                       1975         Willi Lobsiger, Mellingen

         1975         -                       1983         Rudolf Walti, Tägerig

         1984         -                       1995         Emil Meier, Dällikon

         1995         -                       2000         Sylvia Häberli, Obfelden

         2000         -                       2007         Raphael Oldani, Birrwil

seit   2007                                                   Marcel Hunn, Bellikon

 

                        Präsidenten des Musikvereins Tägerig 

      1884      -           1914      Josef Meier, Weibels

      1931      -           1932      Arnold Meier

      1932      -           1933      Hans Meier

      1933      -           1937      Wendelin Meier

      1937      -           1942      Hans Seiler - Benz

      1942      -           1945      Hans Meier

      1945      -           1947      Wendelin Meier

      1947      -           1953      Hans Seiler - Benz

      1953      -           1954      Wendelin Meier

      1954      -           1955      Hans Seiler - Benz

      1955      -           1956      Rudolf Walti

      1956      -           1957      Werner Meier

      1957      -           1963      Josef Keller

      1963      -           1971      Kurt Oldani

      1971      -           1972      Werner Meier

      1972      -           1976      Eduard Zimmermann

      1976      --          1982      Erwin Meier

      1982      -           1986      Ueli Gilgen

      1986      -           1990      Peter Blunschi

      1990      -           1997      Peter Annen

       seit      1997                    Beatrice Annen - Gilgen